2.11.2008
Nur die Socken und der Wein lügen nicht

Schwerte. Was heißt hier: "Man kann einem doch nicht anhand von verschwundenen Socken die Welt erklären"? Man kann, wenn man Alvaro Solar heißt, die Welt kennt, wie die Löcher in den eigenen Socken, und Weintrinker ist.
Die Schwerter kennen ihn längst, den Chilenen aus Bremen, der fast zum Standard-Inventar der Kleinkunstwochen gehört. Und doch stand auch diesmal wieder ein ganzer neuer Typ mit seinem neuen Programm "Socken, Lügen und Wein" auf der Bühne der Rohrmeisterei.

Kommt ein Mann auf die Bühne - links und rechts je ein exzellenter Musiker - und erzählt Geschichten. Eigentlich erzählt er sogar nur eine Geschichte, die Geschichte seiner Kinderclique im fernen Chile, seiner Freunde aus frühen Tagen. Da sind "der Dicke" und "der Professor", "Tritt in den Hintern" und "Falle", der unscheinbare "Garnichts" mit den roten Socken und die Zwillinge "Anna" und "Anna andersrum".

Solar, dieses Kraftwerk aus Pantomime und Schauspielkunst, aus Gesang und Instrimentalmusik, aus Klugheit und Comedy, läßt diese Kinderclique lebendig werden. Er läßt sie lernen, älter werden und herauswachsen aus der Jugendzeit, der Zeit ewiger Wahrheiten und ewigen Lebens, in die Welt der Erwachsenen. Erst stirbt der Glaube an den Weihnachtsmann und dann begegnet dem Dicken der Tod in Gestalt eines kopulierenden Gürteltieres. Diktatur bricht in die Traumwelt der Jugend ein, läßt den einen zum Rebellen werden und den anderen zum Folterer mit roten Socken. Erdbeben erschüttern nicht nur die Häuser. Und im Hintergrund, wie im Refrain einen großen Liedes, treffen sich in einer stets überfüllten Kneipe in der Ecke an einem freien Tisch die Liebe und der Hass, Tod und Leben, Gott und Teufel, Krieg und Frieden, die Wahrheit und die Lüge bei einem Glas Wein und erklären uns (und sich) die Welt.

Alvaro Solar ist leise, selbst wenn er Radau macht. Er schleicht sich in unser Herz, läßt uns laut und herzlich über Socken lachen, die sich abends heimlich aus dem Zimmer stehlen auf der Suche nach dem verschwundenen Gegenüber. Und er läßt uns eine Träne verdrücken, wenn die erste Liebe stirbt und Träume wie Seifenblasen zerplatzen, weil das Leben so gnadenlos wahr und wirklich ist.

Zweimal schon (und einmal fast) hat der Kerl unseren Kleinkunstpreis gewonnen. Und was machen wir, wenn er wieder vorne liegt? Darf er ihn dann mit nach Hause nehmen? Geschenkt.

WAZ Schwerte, 02.11.2008, Von Bernd Kirchbrücher
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